Group Project

4 Studenten, 1 Ort, 24 Stunden. Angela, Moritz, Michael und Gabriel haben sich auf spontan und vom Zufall geleitet den Weg in die Mecklenburgische Provinz gemacht. Ihre Ergebnisse zeigen sie hier! 

24 STUNDEN FRIEDRICHSRUHE

Hej Michael,

Du hast bei bei uns studiert. Wie war das für dich?

Das Studium war eine sehr intensive Zeit. Ich fand es sehr bereichernd in kleinen Gruppen in einem persönlichen Umfeld zu studieren. Besonders gefallen hat mir, das Handwerk von der Pike auf zu erlernen und gleichzeitig meinen Blick auf die konzeptuelle Arbeit zu richten. Es hat mir sehr geholfen, ein Bewusstsein für meine eigene Bildsprache zu entwickeln und eigene Projekte zu verfolgen. Der stetige Kontakt zu erfolgreichen Fotograf:innen half mir, das Geschäft und die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Kundengruppen besser zu verstehen. Ich konnte meine eigenen Interessen besser definieren und mich gezielter auf meine berufliche Laufbahn vorbereiten. Zudem habe ich wunderbare Menschen kennengelernt. Ich genoss es sehr, dass das Zwischenmenschliche ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt hat. Es bestand großes Vertrauen zwischen Dozent:innen und Studierenden. Noch heute besteht ein guter Kontakt, worüber ich sehr dankbar bin.

In deinen Motiven kommst Du den Menschen oft unbemerkt sehr nah. Wie gelingt dir das, verrate uns deinen Trick! :-)

Das hängt sicher mit meiner Persönlichkeit zusammen. Ich kann mich in der Regel ganz gut in die Gesellschaft integrieren. Ich beschreibe mich selbst als ruhig und unaufdringlich - bin dabei aber nicht unbedingt scheu und spreche auch mit den Gästen. Irgendwann gehöre ich dann einfach dazu und die Menschen nehmen mich nicht mehr zwangsläufig als Fotograf war.

Im Laufe der Zeit konnte ich außerdem feststellen, dass Menschen oft sowieso mit ihrer Aufmerksamkeit woanders sind und ich teilweise recht. Und was mir zusätzlich weiterhilft, sind die Klappdisplays. So kann ich meine Kamera ungefähr auf Bauchhöhe positionieren und ähnlich einem Schachtsucher das Bild komponieren und den Auslöser betätigen, ohne dass es groß auffällt.

Viele deiner Motive sind schwarz/weiß, wie kommt es zu dieser Entscheidung?

Das ist eine interessante Beobachtung. Meine Reportagen halte ich überwiegend in Farbe fest. Mir ist es wichtig, das Licht und die Stimmung des jeweiligen Tages einzufangen. Dazu wäre ich bei reiner Schwarz-weiß-Fotografie nicht in der Lage. Allerdings stelle ich bei meinen Lieblingsfotos immer wieder fest, dass ich sie ohne Farbe besser auskommen. Das liegt sicher daran, dass so das Hauptaugenmerk auf dem Motiv, der Geschichte, liegt. Die Fotos sind einfach konzentrierter. Farbige Elemente können mitunter doch sehr stark ablenken. Da sticht das violette Kleid von Tante Brigitte schon mal ungewollt ins Auge.

Du sagst du fotografierst hunderte von Bildern an einem Tag. Wie stark selektierst du uns wieviele Bilder landen später beim Kunden?

Das ist für mich eines der herausforderndsten Themen überhaupt. Als Fotograf will ich möglichst eng selektieren und sozusagen nur die Creme-de-la-Creme zeigen oder den Tag auf wenige Fotos runterbrechen. Hochzeitspaare hingegen möchten in der Regel deutlich mehr Fotos und mehr Menschen sehen. Ihnen sind dann auch andere Motive auf inhaltlicher Ebene oft wichtiger und der ästhetische Anspruch unterscheidet sich zudem nicht selten von meinem eigenen. Deswegen fahre ich bei der Auslieferung zumeist zweigleisig. Ich stelle eine Auswahl mit circa 100 Fotos zusammen, die ich dann als Diaschau präsentiere. Hier kann ich am ehesten meinen Ansprüchen genügen und die Dokumentation hauptsächlich aus meiner Perspektive darstellen. In einer Online-Galerie erhält das Paar dann je nach Dauer des Auftrages, beispielsweise wenn ich für eineinhalb Tage gebucht bin und zudem am Tag der Feier von morgens bis spät nachts fotografiere, bis zu 1000 Bilder.

In gewisser Weise ist diese Aussage sicherlich etwas reißerisch. Allerdings möchte ich damit verdeutlichen, dass sich meine Arbeit von klassischer, inszenierter Hochzeitsfotografie unterscheidet. Zudem ist mir wichtig, mich von Industrietrends, die beispielsweise über Instagram oder Pinterest propagiert werden, zu lösen. Ich mag ehrliche Bilder. Ich empfinde es als spannend, nah dran zu sein und Emotionen festzuhalten. Letztlich geht es bei Hochzeiten um zwischenmenschliche Beziehungen. Und genau hier beginnt meine Fotografie. Ich möchte Bilder zeigen, die Geschichten erzählen und die man gern auch mit einem Augenzwinkern betrachten kann. 

Du fotografierst mittlerweile viel auf Hochzeiten, sagst aber über dich, du seist kein Hochzeitsfotograf. Wie ist das gemeint?

Wie waren deine ersten Jobs? Lief da alles rund? :-)

Die Aufregung vor den ersten Jobs war enorm. Mir fehlten Routine und eine eigene Handschrift. Ich schaute mir im Vorfeld ganz viele Hochzeitsfotos an, um dann alles richtig zu machen und nichts zu verpassen. Als Fotograf trage ich eine große Verantwortung für die Paare. Mein Ziel ist es immer, sie zufrieden zu stellen und ihren Tag in ihrem Sinne fotografisch festzuhalten. Grundsätzlich liefen die Jobs ganz gut und ich merkte, dass dies ein Bereich ist, der mir viel Freude bereitete. Tatsächlich entschied ich mich nach der Hochzeit enger Freunde, professioneller Fotograf zu werden. Technisch waren da sicherlich einige Schnitzer dabei. Die konnte ich durch eine genügend große Auswahl, dann ganz gut kaschieren. Es gab dann schon immer wieder Stresssituation, in denen ich vielleicht nicht immer so genau wusste, was ich eigentlich gerade tat. Ich versuchte dann, mir die eigene Planlosigkeit nicht anmerken zu lassen.

Gibt es Dinge, die du mittlerweile anders angehst? Gibt es Fehler, die du gemacht hast? 

Mittlerweile fotografiere ich fast nur noch mit Festbrennweiten, bevorzugt mit 35 Millimetern. Das erzeugt ein ganz anderes Gefühl, als wenn ich den gleichen Bildausschnitt mit einem Teleobjektiv festhielte. Ich traue mich viel näher an die Menschen ran. Der Betrachter wird somit ganz anders in das Geschehen „reingezogen“ und fühlt sich somit eher als Teil der Szene.

Meine Nachbearbeitung hat sich zudem weiterentwickelt. Ich gehe insgesamt vorsichtiger mit den Reglern um und versuche die Bilder subtiler zu entwickeln.

Gibt es einen Fotografen oder Künstler, der dich in einer bestimmten Weise beeinflusst hat?

Als erstes fällt mir hier Ian Weldon ein. Er ist Engländer und hat den Satz „I am not a wedding photographer“ geprägt. Er gab mir den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen, meiner eigenen Intuition zu folgen und meine eigenen Bilder zu zeigen. Generell interessieren mich Reportage- und Dokumentarfotografen wie beispielsweise Martin Parr und Martin Kollar, die es schaffen, die absurde Banalität des Alltags festzuhalten.

Wie machst du auf dich aufmerksam?

Zu einem großen Teil lebt mein Geschäft von Weiterempfehlungen. Die persönliche Komponente ist für viele Paare entscheidend. In Zukunft möchte ich meine Internetseite und mein Instagram-Konto mithilfe von Online-Anzeigen einem breiteren Publikum zugänglich machen. Auf diese Art kann ich Paare ansprechen, die mich vor allem wegen meiner Fotografie buchen. Ein weiterer Weg ist die Teilnahme an Messen und das Vernetzen mit anderen Dienstleistern, wie bespielsweise Veranstaltungsorten oder Hochzeitsplaner:innen - aber auch Fotograf:innen. Da stecke ich allerdings noch in den Kinderschuhen. 

Welchen Projekten und Herausforderungen stellst du dich aktuell? Magst du schon etwas auszuplaudern?

Ich möchte mich in Zukunft mehr und mehr auf die Dokumentar- und Reportagefotografie konzentrieren. Im Oktober 2021 bin ich von Hamburg aufs Land gezogen. Themenbereiche, die mich da besonders interessieren, sind das Leben der Menschen im Allgemeinen und zukunftsfähige Lebensweisen im Besonderen. Am konkretesten ist da aktuell ein Buchprojekt, das ich wahrscheinlich im Sommer bebildern werde. 

Die größte Herausforderung für mich ist dabei, über meinen eigenen Schatten zu springen. Es fällt mir nicht immer leicht, mit Leuten in Kontakt zu treten und mich als Fotograf ins Gespräch zu bringen. Es ist ebenso herausfordernd, mich auf konkrete Projekte zu fokussieren - und dann einfach mal zu machen. Ich zerdenke vielleicht viele Sachen schon im Vorfeld und mache mir selbst Druck. Ich hadere auch immer wieder mit meinem Schaffen und stelle mich selbst in Frage. Ich arbeite daran, mehr meinen Impulsen zu folgen.